Alleine reisen – mein persönliches Retreat

In diesem Sommer war ich mal wieder alleine mit meinem Bus unterwegs. Zufall oder Selbstbestimmung?

Ich war mit meiner Tochter (17) und meiner Freundin und ihren Töchtern (15 + 17) für zwei Wochen ins Jura gefahren. Die Teenagerinnen wollten nach zehn Tagen wieder heim in die Stadt, zu Freunden und ihr eigenes Ding machen. Meine Freundin wollte dann auch wieder heimfahren, um ihre Weiterreise zu ihrem neuen Partner zu planen und vorzubereiten. Ich blieb zunächst alleine in unserer Unterkunft zurück. Ich war erst traurig darüber, dass alle sich entschieden hatten, früher heimzufahren. Ich dachte, alle werden irgendwie erwartet oder haben noch was vor.

Einen Tag und einen Abend beherrschten mich Gefühle von Traurigkeit und Einsamkeit. Bin ich eine schlechte Mutter, denn mein Kind will früher aus dem gemeinsamen Urlaub heim? Dann breitete sich ein Gedanke in mir aus: He, ich kann jetzt auch tun, was ich will! Durch die Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit der anderen öffnete sich auch bei mir der Raum dafür. Mein nächster Termin war erst gut zehn Tage nach unserer gemeinsamen Urlaubszeit. Ich überlegte, wo ich noch hinkönnte, zumal ich ja schon so weit gefahren war und einen relativ neu ausgebauten Bus hatte, mit dem ich noch nicht wirklich vertraut war. Das Wetter sollte kühler werden, also dorthin, wo die Sonne noch so richtig brennt und es warm ist!

Seit ein paar Jahren fühle ich mich in den Bergen wohler. Meeresstrände sind mir oft zu voll. Die Orte, an denen es noch möglich ist, frei zu stehen, werden immer weniger. Berge assoziiere ich mit Wildheit Ursprünglichkeit und Kraft, sie haben etwas raues und standhaftes für mich. Ich beschloss, in die französischen Alpen, Haute de Provence zu fahren. Ich fuhr los. Nicht wirklich freudig, sondern eher ängstlich und auch traurig, dass ich mal wieder alleine unterwegs war. Aber auch ein bisschen bockig und mit kindlicher Sturheit. Ich fuhr weiter.

Ich fahr gerne alleine Auto: meine Musik, meine Pausen, meine Geschwindigkeit. Die letzten Reisen mit meinen Kindern, waren oft anstrengend. Autofahren, ankommen und sofort zuständig für die Care-Arbeit. Nervig, aber doch auch Aufgaben, die mir einen Platz gaben. So ganz ohne Familie war ich schon ewig nicht mehr unterwegs gewesen. Ich wurde angeschaut, als allein reisende Frau. Das war mir zuvor schon passiert, ich wurde auch schon konkret angesprochen darauf, beispielsweise auf einem Kurztrip zum Kräutersammeln oder an einem Wochenende an einem See.

Die ersten Tage verliefen für mich erstmal eher schwerfällig. Ich, so allein mit mir. Ich hatte wenig Energie. Ich fühlte eine Härte in meinen Gedanken über mich und über mein Leben. Einen Tag lief ich spazieren und hatte einen kurzen Anflug von Sinnlosigkeit. Was mich sehr aufgebaut hat und was mir ein absolutes Gefühl von Freiheit gab, war, in einem Gebirgsfluss zu liegen und in den Himmel und auf die wundervollen Berge zu schauen, ganz alleine inmitten wunderschöner, wilder Natur. Ich kaufte mir gutes, leckeres Essen, nahm täglich meine Ukulele in die Hand, um darauf herumzuklimpern, schrieb meine Gedanken auf, las Bücher und gab Impulsen nach, die kamen. Es war wie ein Retreat! Schweigen. Stille. Und Fühlen, Fühlen, Fühlen. Ohne zu bewerten, einfach annehmen, was da ist. Manchmal auch Ekliges oder Schamvolles.

Nach einer Vollmondnacht bin ich aufgewacht und alles war auf einmal leicht, freudvoll und auch kraftvoll. Nicht auf eine gewaltige Art, sonder ganz sanft kraftvoll und auch tief kraftvoll, als ob sich was gefügt hat in mir. Ein Baustein, ein Puzzleteil meines Selbst.

Und so ging meine Zeit mit mir selbst zu Ende. Mit dieser Kraft und Ruhe und Zuversicht bin ich wieder langsam zurück zu meinem Wohnort gefahren. Ich konnte plötzlich viel mehr um mich herum aufnehmen und beobachten. Neugieriger und staunend über das, was ich unterwegs alles entdeckte. Ich hatte die innere Zeit, alles auf mich wirken zu lassen, ohne es gleicht mit jemenschen zu teilen.

Diese Erfahrung trägt mich noch immer. Und ich geniesse es, mit mir zu sein. Am liebsten alleine, ohne Bewertung, fühlend.